Cyberkriminelle haben in mehreren europäischen Ländern Kühlanlagen in Supermärkten manipuliert, sodass diese sich aufheizten statt zu kühlen. In Deutschland traf es unter anderem einen Markt in Lilienthal bei Bremen, wo die Temperatur in den Kühlregalen auf 30 Grad stieg und Angestellte einen Tag lang tonnenweise Wurst, Käse sowie Milch- und Tiefkühlprodukte entsorgen mussten.
Die Welle begann im Oktober 2026 in französischen Supermärkten und griff seither auf Deutschland über. Betroffen sind nach bisherigem Stand auch Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und die Niederlande. Für Kunden bedeutet der Kühlregal-Hack vor allem eines: leere Theken, weggeworfene Ware und die Frage, wie sicher die Kühltechnik im eigenen Supermarkt überhaupt ist.
Welche Supermärkte sind betroffen?
In Deutschland sind bislang mehrere Standorte bekannt. Neben Lilienthal bei Bremen meldeten auch Märkte in Bayern und Nordrhein-Westfalen Vorfälle, zudem ermittelt die Polizei in Niedersachsen in einem weiteren Fall.
Im niederbayerischen Reisbach im Landkreis Dingolfing-Landau trieb der Angriff die Temperatur in den Kühlanlagen eines Supermarkts auf bis zu 50 Grad hoch.
Bei einem Markt der Arbeiterwohlfahrt im nordrhein-westfälischen Wetter-Volmarstein waren Kühlregale genauso betroffen wie die Lagerflächen.
Der Markt in Lilienthal bei Bremen, dessen Inhaber Daniel Breiding Anzeige erstattete.
Ein weiterer Fall in Diepholz, Niedersachsen, den die Zentrale Kriminalinspektion Oldenburg zusätzlich zum Fall Lilienthal untersucht.
Kaufland teilt mit, dass die eigenen Kühlregale ordnungsgemäß funktionieren und die Versorgung mit frischen Lebensmitteln gesichert sei. Bei Edeka gibt es laut Unternehmen keine einheitlichen Kühlsysteme, sondern regional und lokal unterschiedliche Anlagen, was auch an der genossenschaftlichen Struktur mit rund 3.200 selbstständigen Kaufleuten liegt.
Warum lassen sich Kühlregale so leicht hacken?
Steuerungssysteme für Kühlregale sind weit verbreitet und viele davon über das offene Internet erreichbar. Der Grund dafür ist simpel: Fernwartung spart Technikerbesuche vor Ort, deshalb hängen die Anlagen dauerhaft online. Problematisch wird das, weil viele der betroffenen Geräte so alt sind, dass es keine Sicherheitsupdates mehr für sie gibt.
Im Fall des Marktes in Wetter-Volmarstein richtete sich der eigentliche Angriff gar nicht gegen den Supermarkt selbst, sondern gegen die Firma, die dessen Kühlanlagen aus der Ferne wartet. Offen ist, ob die Angreifer gezielt Supermärkte ausgesucht haben oder einfach auf ungeschützte Geräte gestoßen sind. Die betroffenen Thermostate sind weltweit in vielen Anlagen verbaut, das Problem ist also nicht auf den Lebensmittelhandel beschränkt.
Wer ermittelt und was unternehmen Behörden?
Für die Fälle in Niedersachsen ist die Zentrale Kriminalinspektion Oldenburg zuständig, während die Kriminalpolizei Landshut im Fall Reisbach wegen des Verdachts auf Ausspähen und Verändern von Daten ermittelt. Auf EU-Ebene berief die EU-Kommission bereits zwei Krisentreffen ein, zudem wurde das europäische Netzwerk für Cyberkrisen aktiviert.
Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels bezeichnet die Angriffe bislang als Einzelfälle ohne nennenswerte Schäden. Nach der ersten Angriffswelle auf französische Supermärkte im Oktober 2026 wurden die Kühlsysteme in deutschen Märkten laut Verband überprüft. In Frankreich selbst wurde durch die Angriffe auf Kühltheken Kühlgut im Wert von mehreren Millionen Euro zerstört.
Der IT-Sicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker rechnet mit weiteren Cyberangriffen auf ähnlich schlecht gesicherte Anlagen, etwa in Kühlhäusern, Krankenhäusern, der Gebäudetechnik sowie in Wind- und Solaranlagen. Als Beleg für die Größenordnung des Problems nennt er, dass weltweit bereits 1,3 Millionen Fernsehgeräte gehackt worden sind.
Kipker empfiehlt Betreibern, Steuerungssysteme konsequent vom offenen Internet zu nehmen und Fernzugänge nur noch über gesicherte Verbindungen zuzulassen. Geräte, die keine Updates mehr erhalten, sollten seiner Einschätzung nach ausgetauscht oder zumindest abgeschottet werden, bevor der nächste Hack zuschlägt.
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